Tagungstext zu:
ALP Arbeitsgemeinschaft Linguistische Pragmatik e.V. - Universität Stuttgart (Deutschland)
6. März 2018 - 6. März 2018
Pragmatik und (Sprach-)Didaktik
Wenn man nach dem Zusammenspiel von Pragmatik und Didaktik oder nach der Relevanz von pragmatischen Fragestellungen und Analysen für didaktische Fragestellungen und die Unterrichtspraxis fragt, lassen sich grob zwei Perspektiven unterscheiden:
1.    Zum einen lässt sich danach fragen, inwiefern und in welcher Weise pragmatische Themen Gegenstände schulischen Unterrichts sind. Inwiefern finden sich klassische pragmatische Inhalte in Lehrplänen wieder und was wird überhaupt als ‚pragmatischer Inhalt‘ akzentuiert? Wie könnten bisher weniger beachtete Aspekte der linguistischen Pragmatik etwa aus dem Bereich der Gesprächsanalyse (Brünner/Weber 2012) oder zur Pragmatik digitaler Schriftlichkeit (Albert 2013, Androutsopoulos 2007) didaktisch modelliert und zum Unterrichtsgegenstand gemacht werden? Inwiefern eröffnet dies möglicherweise neue Perspektiven auf typische Lerninhalte und die Kompetenzbereiche des Sprachunterrichts?
2.    Zum anderen lässt sich in einem weiteren Sinne danach fragen, welche didaktische Rele-vanz pragmatische Fragestellungen und Analysen haben, wenn es um die Unterrichtspraxis und insbesondere um die Lehrerausbildung geht. Implizit ist Pragmatik in dieser Perspektive „überall“, denn Unterricht besteht aus mündlichem und schriftlichem Sprachhandeln sowohl aufseiten der Lehrkräfte als auch aufseiten der Schüler(innen). Es stellt sich also die Frage, welche pragmatischen Perspektiven und entsprechenden Analysekompetenzen für die Unterrichtspraxis überhaupt von Bedeutung sind und somit auch Bestandteil der Lehrerausbildung sein sollten. Gerade für den Bereich des Mündlichen liegen hierzu bereits Arbeiten aus der Linguistik vor (Kotthoff 2009, Schmitt 2011, Becker-Mrotzek 2012, Hauser/Luginbühl 2017). Schmitt (2011) etwa weist darauf hin, dass Unterrichtsinteraktion nur bis zu einem gewissen Grade plan- und antizipierbar sei: Das faktische Handeln der Lehrkräfte modelliert er daher im Sinne einer „De-facto-Didaktik“ als grundsätzlich didaktisches Handeln. Welche didaktischen Konsequenzen ergeben sich aus einer solchen Akzentuierung?
Ein grundsätzliches Spannungsverhältnis ergibt sich zwischen linguistischer Pragmatik – gleich, ob eng oder weit gefasster – und (Sprach-)Didaktik daraus, dass in didaktischen Kontexten die implizite oder explizite Bewertung von Sprachhandeln im Vordergrund steht, während die Pragmatik vorrangig deskriptiv arbeitet und grundsätzlich eine große Bandbreite an Realisierungsformen von Sprachverhalten als funktional annimmt (vgl. Kotthoff 2009). Dies schließt allerdings nicht aus, dass eine deskriptive pragmatische Analyse nicht als fundierte Basis für die Bewertung, Einschätzung oder auch Diagnose der sprachlich-kommunikativen Kompetenzen von Lernenden dienen kann.
Inwiefern können also Ansätze der Pragmatik für didaktische Zusammenhänge fruchtbar gemacht werden – sei es als Lehrinhalte zum Kompetenzausbau der Lernenden oder als Analyse- und didaktische Kompetenz seitens der Lehrkräfte? Die zweite Perspektive ist nicht zuletzt im Kontext einer inklusiven Schulentwicklung von Bedeutung, da sich auch Lehrkräfte an Regelschulen zunehmend mit pragmatischen Störungen (Glück 2007) konfrontiert sehen. Dies erfordert die Implementierung entsprechender diagnostischer Kompetenzen in der Ausbildung und die Entwicklung differenzierter Fördermaßnahmen. Die Potenziale einer interdisziplinären Zusammenarbeit von Pragmalinguistik, Fachdidaktik und Sonderpädagogik wären auszuloten.
Die Tagung versucht sich in diesem Sinne den Schnittstellen von Pragmatik und
(Sprach-)Didaktik zu nähern. Erwünscht sind sowohl theoretische als auch methodenbezogene Beiträge sowie exemplarische Analysen aus dem Bereich der Sprachwissenschaften, der Sprachdidaktik, Fremdsprachendidaktik sowie anderen Fachdidaktiken, Sprachheilpädagogik und weiteren Disziplinen, die sich mit dem Gegenstandsbereich befassen.
Keynote Speaker: Juliane Stude (Münster)
Wenn Sie einen Vortrag halten möchten, schicken Sie bitte einen Vorschlag mit Titel und Ab-stract (max. 400 Wörter) bis zum 15.10.2017 an kontakt@alp-verein.de. Anmeldungen ohne Vortrag werden ebenfalls unter dieser Adresse entgegengenommen. Weitere Informationen zur Tagung und zur ALP e. V. finden Sie rechtzeitig auf unserer Internetseite (http://www.alp-verein.de ).

Literatur
Albert, Georg (2013): Innovative Schriftlichkeit in digitalen Texten. Berlin: Akademie-Verlag.
Androutsopoulos, Jannis (2007): Neue Medien – neue Schriftlichkeit? In: Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandes 1(2007), S. 72-97.
Becker-Mrotzek, Michael (2012): Mündliche Kommunikationskompetenz.   In: Ulrich, Winfried/Becker-Mrotzek, Michael (Hrsg.): Deutschunterricht in Theorie und Praxis. Mündliche Kommunikation und Gesprächsdidaktik. Baltmannsweiler: Schneider, S. 66-83.
Brünner, Gisela/Weber, Peter (2012): Gesprächsdidaktik: Gespräche im Unterricht analysieren und tran-skribieren.   In: Ulrich, Winfried/Becker-Mrotzek, Michael (Hrsg): Deutschunterricht in Theorie und Praxis. Mündliche Kommunikation und Gesprächsdidaktik. Baltmannsweiler: Schneider, S. 297-326
Glück, Christian W. (2007): Pragmatische Störungen bei Kindern und Jugendlichen. In: Schöler, Her-mann/Welling, Alfons (Hrsg.): Sonderpädagogik der Sprache. Göttingen u.a.: Hogrefe.
Hauser, Stefan/Luginbühl, Martin (Hrsg.) (2017): Gesprächskompetenz in schulischer Interaktion – nor-mative Ansprüche und kommunikative Praktiken. Bern: hep.
Kotthoff, Helga (2009): Grundlagen der Gesprächsanalyse und ihre schulische Relevanz. In: Hans-Werner Huneke et al. (Hrsg.): Taschenbuch des Deutschunterrichts. Hohengehren: Schneider.
Schmitt, Reinhold (2011): Didaktik aus interaktionistischer Sicht. In: Reinhold Schmitt (Hrsg.): Unterricht ist Interaktion! Analysen zur De-facto-Didaktik. IDS: Arbeitspapiere und Materialien zur deutschen Sprache 41, S. 225-238.

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